Zypern, das ist die Insel der Aphrodite, die Göttin der Liebe und der Schönheit ist dort geboren und hatte ihren Hauptkultort in Paphos, ihrer Geburtsstadt. Dorthin zieht sie sich zurück, als sie beim Ehebruch mit Ares in flagranti erwischt wird – ihr Ehemann, Hephaistos, hatte die beiden in ein kunstvolles Netz verstrickt:

„Sie aber gelangte nach der Insel Kypros, die gerne lächelnde Aphrodite: nach Paphos, da wo ihr ein Hain und ein Altar voll Opferrauch ist. Dort wuschen sie die Anmutsgöttinnen und salbten sie mit dem Öl, dem unsterblichen, wie es glänzt an den Göttern, den immer seienden, und taten ihr reizende Kleider an, ein Wunder zu schauen.“
(Odyssee 8, 402ff/Schadewaldt).

Aber Aphrodite ist auch nur Erbin der altsemitischen Liebesgöttin Istar-Astarte – und wird ihrerseits beerbt von Maria Aphroditissa in byzantinischer Zeit.

Zypern, das ist 12000 Jahre Kulturgeschichte auf engstem Raum. Immer ausgesetzt dem Spannungsverhältnis zwischen Ost und West und in jüngerer Zeit besonders, seitdem 1974 die Türkei das nordöstliche Drittel der Insel besetzt hat. Dabei ging allerdings eine Zeit sehr ausgeglichenen Neben- und Miteinanders von Türken und Griechen gewaltsam zu Ende.

Zypern, das ist nicht das, was wir erwarteten, nämlich Griechenland. Natürlich spricht man dort griechisch (wenn auch in einem eigenartigen, manchmal altertümlichen Dialekt), natürlich finden wir dort die griechische Orthodoxie, und die Ausgrabungen führen allenthalben die griechisch-antike Vergangenheit vor Augen, aber die Prägung dieser Insel ist eine andere: von Anfang an unter orientalischem, erst im Lauf des 5. Jahrhunderts unter griechischem Einfluss,  ab 323 v. Chr. hellenistisch, dann römisch, dann byzantinisch, gehört sie seit 1191 fremden Herren, zuerst den Kreuzfahrern, dann den Venezianern, dann den Osmanen, 1878 von Großbritannien gepachtet, 1914 annektiert, 1960 endlich in die Unabhängigkeit als souveräne Republik entlassen. Das hat, so hört man, die Menschen dort vorsichtig gegenüber Fremden gemacht, aber bei näherer Bekanntschaft erfährt man unglaubliche Gastfreundschaft.

So ist für uns Zypern das Land der Philoxenía geworden.

Zypern, das ist der morgendliche Blick in den beschatteten Innenhof, gotische Architektur des 16. Jahrhunderts, dahinter Palmen, die gerade Früchte tragen, hundert Meter weiter, hinter den Barrikaden – Mauern findet man hier vergebens - der Ruf des Muezzins.

Zypern, das ist vor allem unsere Partnerschule - das Pankyprion Gymnasion in Nikosia: ein schönes klassizistisches Gebäude aus dem Jahr 1812, das Gymnasium selbst ist aber bereits 400 Jahre alt, Gründung des Erzbistums, der Residenz gegenüber, und ist von ehrwürdiger Tradition. Es war z. B. Zentrum des Widerstandes gegen die Türken im 19. Jahrhundert, gegen  die Engländer im 20. Jahrhundert, die Tunnel, durch welche die Freiheitskämpfer im Untergrund operierten, verlaufen durch den Schulkeller. Wir spüren den Geist der  Geschichte in dem Gebäude dieser Schule. Schon in der Eingangshalle Repliken berühmter klassischer Statuen, der Wagenlenker von Delphi, Polyklets Diadumenos.

Wir werden von Schülerinnen in zypriotischer Tracht begrüßt, die uns nach alter Tradition Rosenwasser über die Hände gießen; dann der Empfang beim Schulleiter, an der Wand in langer Reihe Ehrfurcht gebietend die Bilder seiner Vorgänger. Es wird feines Gebäck und verschiedene Getränke gereicht.  Herr Solon Charalambus begrüßt uns feierlich, teils deutsch, teils englisch, lässt sich dann dolmetschen; er erkundigt sich ausführlich nach Ausbildungsrichtung und Größe, aber auch nach der Tradition unserer Schule.

Der Abschiedstermin beim Schulleiter: diesmal fragt er die griechischen Schüler, was man so in der Freizeit miteinander unternommen habe, die deutschen, welches Erlebnis für sie das schönste gewesen sei: Er äußert den Wunsch, die Austauschpartnerschaft fortzusetzen.Zypern, das ist Musik. Musik in griechischer Tradition, abends beim Abschiedsfest, in der Besetzung Gitarre, Busuki, Gesang, bald stimmen andere Gäste mit ein, Passanten bleiben stehen, machen mit, die Wirtin singt mit, man beginnt auf der Straße zu tanzen …

Musik  aber auch in alter zypriotischer Tradition, Volkslieder mit verschiedenen Lauten, Gitarre, Busuki, Violine, Flöte, Trommeln. Wir haben diese lebendige „Volksmusik“  im Unterricht unserer Partnerschule erleben dürfen. Und uns zu Ehren hatte man sogar Beethovens „Freude, schöner Götterfunken“ einstudiert. Und beim Mitsingen wird der  Vers „Alle Menschen werden Brüder“ erst richtig wahr: Schiller, Beethoven, Nikosia, Bamberg – sinnfälliger konnte das Ziel eines Schüleraustauschs nicht werden.

Klaus Furthmüller