Unter diesem Titel hielt Professor Dr. Friedhelm Marx in der Mensa des KHGs einen Vortrag über das Dionysische im Werk Thomas Manns.

Mittels näherer Betrachtung der Novellen „Der kleine Herr Friedemann“ und „Der Tod in Venedig“ führte der Bamberger Ordinarius für Neuere deutsche Literaturwissenschaft immer wieder ebenso textnah wie in großen Zusammenhängen vor Augen, wie stark der schon bei Nietzsche aus den konkreten antiken Mythen destillierte Topos doch in einem äußerlich normal wirkenden Alltagsgeschehen verwurzelt sein kann.

Durch alle betrachteten Werke Manns schien sich ein roter Faden zu ziehen: der innere Konflikt der Hauptpersonen zwischen Bürgerlichkeit und Künstlertum. Es ging um ihr Bemühen, apollinischen Idealen im maßvoll-vernünftigen Leben des geordneten Alltags treu zu bleiben, obwohl sie diesem am liebsten entfliehen möchten, sei es nun durch Kunst, Genuss oder Träume, und damit letztlich, wenn auch nicht auf den ersten Blick sichtbar, durch Rausch und Entgrenzung, durch Hingabe und Untergang in ihre eigene dionysische Sphäre.

Für manche mag das alles bildungsbürgerlich entrückt wirken, denn Thomas Mann ist nun nicht unbedingt die Kultfigur breiter Bevölkerungsschichten heutzutage. Allerdings trügt der Schein, denn nur weil wir den Balanceakt dieser beiden konträren Lebensweisen selten wahrnehmen, bedeutet das keinesfalls, dass er nicht zeitlos relevant ist. Ein rein sinnliches, entfesseltes, dionysisches Leben kann genauso wenig funktionieren wie ein rigide diszipliniertes, hochfliegendes, apollinisches. Beide Seiten sind für ein erfüllendes Menschsein wichtig, und selbst wenn man ein strukturiertes Leben braucht, wird ein jeder von uns sich von Zeit zu Zeit nach den kleinen oder größeren Ausbrüchen sehnen, die so verlockend Angst und Lust, Jauchzen und Raserei verbinden.

Julia Kübrich, Q11