„Die Welt will leben und in Ruhe töten,

und wehe jedem, der es weiß und sagt!“

Karl-Kraus-Abend 22. November 2016

Was Österreichs erste Kriegsjournalistin Alice Schalek (1878-1956) von den Gefühlen des einfachen, namenlosen Soldaten, beim Festziehen des Spagats am Mörser zu berichten wusste: die Welt hätte es vergessen und es wäre sicher nie bei einem Literarischen Abend des KHG zur Sprache gekommen (gelesen von Sonja Bopp-Möhler), hätte nicht Karl Kraus (1874-1936) die Schreiberin in seinem Drama über den Großen Krieg verewigt, in dem er die „Letzten Tage der Menschheit“ sah. Den ersten Teil der Veranstaltung füllten Szenen vorwiegend aus dem 3.Akt des Stücks, allesamt Dokumente von Schande und alltäglichem Wahnsinn, ob da nun der Armeeoberkommandant einen dritten Hochruf auf Seine Majestät erst ausbringt, nachdem er umgeblättert hat – und bevor er das Ehrendoktorat der Philosophischen Fakultät empfängt; oder ob ein verzweifelter Vater die Auskunft erhält, er solle getrost annehmen, sein seit sechs Wochen vermisster Sohn sei tot; oder ob Achtzehnjährige im Feindesland wegen Waffenbesitzes hingerichtet werden, nachdem ihr Alter auf 21 hinaufgesetzt worden ist. Kinder, die Weltkrieg spielen und dabei in aller Naivität den Tod von Kindern und Zivilisten einbeziehen, Hauptsache, „der militärische Schade ist unbedeutend“ – deutschtümelnde Vereinsbrüder – politisch unbedarfteste Offiziere, phrasendreschende Zeitungsleser, Wissenschaftler im Dienst des Tötens: „dies alles“, schreibt Kraus im Vorwort, Shakespeare zitierend, „kann ich mit Wahrheit melden“. („Die Weltdummheit macht jede Arbeit, außer an Shakespeare, unmöglich“ konstatierte er kurz vor seinem Tod.) Nach einleitenden „kleinen Klavierstücken“ des mit Kraus in puncto künstlerische und ethische Kompromisslosigkeit verbundenen Arnold Schönberg (aus op. 19; gespielt von Michael Strehler) verkörperte Bernd Franze den Autor in einer „Nächtlichen Stunde“ seiner Arbeit; mit einem anderen Gedicht, „Todesfurcht“, schloss er den Abend. Andreas Kuhn und Matthias Schleifer traten als weitere Rezitatoren der erwähnten Szenen auf, sich wohl bewusst, dass sie an Helmut Qualtinger, Jörg Hube oder Kraus selbst gemessen würden… Vor der Pause (danke dem Förderverein bzw. der Mensa für die erstklassige Verköstigung!) dann noch „Reklamefahrten zur Hölle“, aus der „Fackel“ Nr.577-582 (1921): Dr. Christa Horn unterlegte diese Äußerung heiligen Zorns über „eine Menschheit, die noch das Blut schändet, das sie vergossen hat“, mit Bildern der Schlachtfelder um Verdun, wohin damals die Leser der Basler Nachrichten eine Herbstfahrt unternahmen, alle Bequemlichkeiten im Preis von 117 sFr. eingeschlossen.                 

Im zweiten Teil stellten Susanne Eibl und Jürgen Eckert Kraus als Verfasser von Natur-, Gedanken-, Liebes- und Gelegenheitslyrik vor; ausgewählt worden waren z. B. das Sonett „Suchen und Finden“, das die bedenkenswerte Mahnung „Sieh das Gewohnte stets zum ersten Mal“ enthält, und der Vierzeiler „Schall und Rauch ist alles Glück, /Ihr dürft drauf nicht wetten./Dora spendet die Musik,/Ich die Cigaretten“, der als Akrostichon den Namen „Sidi“ enthält und so zu zwei Briefen überleitete, die  Kraus an seine Geliebte Sidonie von Nádherný richtete. Die Geschichte dieser lebenslangen, zwischen Glück und Unglück schwankenden Beziehung versprach der Moderator und Arrangeur der Lesung (Matthias Schleifer) im kommenden Frühjahr in einem Vortrag zu berühren, der auch weitere Basisinformationen zu Kraus enthalten solle, zu den „Worten in Versen“, der „Dritten Walpurgisnacht“, dem Drama „Die Unüberwindlichen“, den Essays zu Nestroy und Heine; er halte sich deshalb zugunsten weiterer Primärtexte mit Erklärungen weitgehend zurück. So las denn Andreas Kuhn eine Glosse über einen jungen Unterrichtsminister, der sich im Satzbau verfing, und den „Epilog“ auf die Monarchie, der die Satire ausnahmsweise auf der Seite der Sieger zeigt; die heitere Ironie und der republikanische Optimismus blieben nicht erhalten, 1929 schrieb Kraus in seinem Rückblicks- und Programmgedicht „Nach dreißig Jahren“ (aus dem auch die Überschrift zu dieser Besprechung stammt): „Ich  bin vorhanden, vae victoribus!“ Das Programm ergänzten schließlich drei von Kraus geschätzte Gedichte von Detlev von Liliencron, Maria Ditha Santifaller und Gottfried Keller; von Letzterem „Die öffentlichen Verleumder“ – sehr interessant war die Mitteilung von Bernd Franze, der den Text vorlas, dass diese pressekritische Polemik von 1848 auch, wohl ohne Kenntnis der „Fackel“, im Kreis der „Weißen Rose“ auf Hitler bezogen wurde, wie von Kraus 1934, nach der Ermordung von Engelbert Dollfuß. Der Initiator der Lesung ließ durchscheinen, dass ihm noch jeder Literarische Abend wichtig und wertvoll war, dieser aber vielleicht der wesentlichste und wertvollste, weil er keinen wichtigeren Autor des 20.Jahrhunderts kenne als Kraus, dessen Vermächtnis das „Mitleiden mit lebendig Leidendem“ („Mein Widerspruch“) und die Ehrfurcht vor der Sprache als dem Humanum par excellence sei. Als wahren Philologen, einen Menschen, der das Wort liebt, rühmte Kraus seinen alten Lateinlehrer Heinrich Stephan Sedlmayer (1855-1928) in einer alkäischen Ode; selbstverständlich durfte sie nicht fehlen (gelesen von: Gregor Sedlmeir). Nicht fehlen durfte ebenso selbstverständlich der Aspekt „Kraus als Bearbeiter und Interpret von Operetten Jacques Offenbachs“; das Couplet vom Höfling, der sich bücken muss, aus „Blaubart“, mit Zusatzstrophen zu aktuellen Zuständen und Ereignissen von Kraus, sang, begleitet von Johannes Klehr, Lisa Weiß – Studienreferendarin; aber wie wird sie sich entscheiden, wenn ihr das kaiserliche Sommertheater in Bad Ischl (wo auch Kraus öfters weilte) ein Engagement anbietet? Auf die Aktualität vieler Texte und Gedanken von Kraus im Jahr 2016 musste nicht angestrengt hingewiesen werden; sie erschloss sich den zahlreichen Besuchern von selbst (die bereitgestellten Stühle wurden alle besetzt). Dito ohne geschwollenen Zeigefinger sei angefügt: Auch wer nicht kommen konnte und dies hier liest, lese Kraus; denn, mit einem seiner Aphorismen, quasi einem kategorischen Imperativ à l’autrichienne: „In Zweifelsfällen entscheide man sich für das Richtige“.

Johannes Treu a. G.