Die Ermordung des „Literarischen Abends“ 

16. November, Musiksaal: viele Texte, Sprachen, Gäste

„Die Ermordung des Kriminalromans“ heißt ein Kriminalroman des Brasilianers Paulo Rangel: ein Kritiker verrät dem Publikum alle wesentlichen Regeln, denen ein Autor in diesem Genre folgen muss, sodass sich fortan jeder Leser seinen eigenen Krimi schreiben kann und damit Zeit für anspruchsvollere Lektüre gewinnt. In vergleichbarer Weise demonstrierte der diesjährige Literarische Abend des KHG sehr deutlich, welche Grundsätze bei einer derartigen Veranstaltung zu beachten sind, sodass jeder von den zahlreichen Besuchern in Zukunft sein eigenes Programm zusammenstellen und entweder zu Hause genießen oder in einem geeigneten Lokal der Öffentlichkeit präsentieren kann – jedenfalls wenn das Produkt der seit Jahren vorwiegend von Matthias Schleifer kredenzten Mixtur ähneln soll, die dann „tot“ wäre.

Man nehme, erstens, nach dem Zufallsprinzip einige Bücher aus seinem Regal und fische möglichst unterschiedliche Texte heraus, die man entsprechend der Weisheit „varietas delectat“ anordne: alte (z.B. von Theophrast und das „Geldevangelium“ aus den Carmina Burana) und neue (z.B. von Paulo Rangel), lyrische, epische (z.B. ein Märchen aus Ghana), dramatische (aus Miro Gavrans „Eiscreme“), heitere (z.B. von Mark Twain, Impressionen aus dem Schwarzwald) und ernste (z.B. von Giuseppe Ungaretti), leicht verständliche (z.B. Fabeln und Sagen aus Indien, Vietnam, Korea) und eher rätselhaft-hermetische (z.B. vom Rumänen Urmuz ; solche von namhaften Autoren (z.B. Turgenjew und Čapek) und solche von hierzulande zu entdeckenden (z.B. Tua Forsström, Jg. 1947).

Man stelle, zweitens, den Abend unter ein einprägsames und sinnvolles Motto – z.B. „Aus fremden Sprachen und Kulturen“, evtl. durch ein Zitat verstärkt (Puck im „Sommernachtstraum“: „I’ll put a girdle round about the earth“.)

Man wähle einige der Besten von den ortsansässigen vorlesefähigen Personen als Mitstreiter aus; im vorliegenden Fall verdienten sich großen Dank, alphabetisch und ohne Trennung von Schülern und Lehrern aufgeführt, die Damen und Herren Akil, Eckert, Eibl, Eroglu, Franze, Frey, Hock, Khazanova, Kuhn, Kutzner, Meier, Oktar, Schmitt, Sedlmeir, Ullmann, Yildirim. Dass einige von ihnen die Originalsprachen (Latein, Russisch, Portugiesisch, Schwedisch, Vedisch, Arabisch, Altgriechisch, Französisch, Türkisch) erklingen ließen, ist besondere Anerkennung wert; wie auch Christian Winklers spanische Version des einleitenden Gedichts aus Fernando Pessoas Faust-Fragment.

Man habe keine Angst, sich zu blamieren, nicht am Klavier und auch sonst nicht; so muss hier festgehalten werden, dass der Moderator erst von einem aufmerksamen Gast darauf hingewiesen wurde, dass das amüsante Reisetagebuch des Nasreddin Schah die in satirischer Absicht hergestellte Fälschung eines Wiener Journalisten aus den 1870er Jahren ist – „getürkt“; hier ist das Wort einmal wirklich (fast) treffend -und damit eine Fabel von Luther nicht der einzige im Original deutsche Text des Abends war. „Man kann nicht alles wissen – und interessant ist das Werk ja irgendwie doch….“.                                                                             

Man habe keine Angst vor Zeitüberschreitung: der Abend war schon arg lang, wie zuletzt in diesem Ausmaß 2006 – und das, obwohl eine jiddische Kurzgeschichte (von Jizchak Lejb Perez) ad hoc aus dem Programm geworfen wurde.

Man halte sich, überhaupt, nicht sklavisch an seine eigene Planung: wenn in der Pause ein Besucher anbietet, ein Gedicht von Rafael Alberti spanisch und deutsch vorzutragen, so nehme man das dankbar an.

Eine solche Pause braucht man, etwas Gutes zu essen und zu trinken; „excellit bona mensa: laetitia extensa!“ (oder so…)

Man beziehe Musik ein, nicht nur als Oberflächenverzierung; was wäre ein „interkultureller Abend“ ohne Schumanns „Von fremden Ländern und Menschen“ (Michael Strehler)?

Man dehne den Begriff der Literatur unbedenklich aus – türkische Redensarten und Sprichwörter und Suren aus dem Koran (A. Akil und J. Eckert, der die Übersetzung von Friedrich Rückert anschloss) sind legitimer Programmbestandteil. Dass manches in der Fülle des Angebots untergehen oder jedenfalls etwas von der vollen möglichen Wirkung einbüßen könnte, nehme man als unvermeidlich in Kauf (gilt z.B. für die „Gedankensplitter“ von Handrij Zejler, 1804-1872, dem Vater der modernen sorbischen Literatur, oder das Schockpotential von Forsströms „Det her är din gladaste del“.).

Bei aller Liebe zum Chaos strukturiere man das Programm irgendwie, z.B. durch mehrfaches Aufgreifen des Themas Liebe („Yami-Yama“, Anna Achmatowa, Giacomo da Lentini, Ungaretti), und stelle zudem Zusammenhänge mit dem voraufgehenden (und, soweit schon plan- und voraussehbar, dem folgenden) Abend her; 2018 geht es möglicherweise um den Ersten Weltkrieg, deshalb schon diesmal: Georges Brassens, „La guerre de quatorze- dix-huit“.

Und nun ist das Konzept also tot, weil endlich, im fünfzehnten Jahr, von allen durchschaut und gnadenlos entzaubert? Ach: erstens ist eine „schöne Leich‘“ auch etwas wert – und zweitens sind die Menschen doch erfreulich vergesslich. So darf getrost darauf gehofft werden, dass auch 2018 wieder ein starkes Team mit Hörens- und Kennenswertem vor ein stattliches Auditorium tritt - und es wird wieder, um Helmut Qualtinger zu zitieren, „ein Fest, ein wahres Fest!“

Frank A. Schütze a. G.

 

Impressionen vom Literarischen Abend