DA BRAT MIR EINER NE STORCH!

Ornithologischer Abend mit der Oberstufenbühne

Wenn man gerade, schon gebührend nervös, an einem Vortrag über Karl Kraus strickt (Schleichwerbung: 15. März, 19 Uhr, am KHG – wo sonst!) und dafür auch „Wolkenkuckucksheim“ überfliegt, eine Bearbeitung der „Vögel“ von Aristophanes, freut man sich natürlich ganz besonders darüber, dass das Oberstufentheater der Schule just jetzt eine Aufführung des Originals von 414 v. Chr. ausgebrütet hat, eine gedankenreiche, konzentriert kurzweilige, zu nominieren für die „Goldene Eule“. Und man wird es dem klugen Regisseur Andreas Kuhn ganz gewiss nicht verdenken, dass ihm recht ist, was Kraus billig war: das Stück aus dem antiken Athen in die Gegenwart umzutopfen. 1923 bedeutete das viele Anspielungen auf Krieg und Nachkriegszeit; enden Kraus‘ „Letzte Tage der Menschheit“ mit dem Fazit „Zerstört ist Gottes Ebenbild“, so „Wolkenkuckucksheim“, etwas weniger düster, mit dem Vers „Der Mensch ist fort. Die Luft ist rein!“ – obwohl bereits Hakenkreuzschnäbel gesichtet werden. Die Welt von 2017 wird zunächst einmal, in einem Vorspiel, das saisongemäß stark an die Kölner Stunksitzung, inklusive Publikumsbeschimpfung,  erinnert, als eine Face- und Fakebookwelt vorgeführt, die Epidemie des Smartphone- und Twitterwahnsinns wird mit Zahlen belegt, derart klar (wie spätere diesbezügliche Passagen, obwohl sie durch phantasievoll vom Team selbst geschaffene Masken gesprochen wurden), dass man fast hoffen möchte, die Darsteller würden sie verinnerlichen und nach der Vorstellung nicht sofort ihren wohlverdienten Erfolg „posten“ (oder so)…. Dass zwei junge Athener, Peisetairos (Anna Weckert) und Euelpides (Christian Bollerhoff), aus dieser Welt flüchten, ist also zunächst einmal ein sympathischer Zug; allerdings haben sie auch weniger edle Gründe dafür und tragen den Keim der Verderbnis in sich und in die Welt der Vögel hinein, wohin ihnen Tereus (Yannick Siebenhaar) schon vor längerer Zeit vorangegangen ist, der als Wiedehopf regiert, unterstützt von seinem Diener (Annika Droth), in Straußengestalt. Kaum haben die Vögel aufgehört, den Fremden (wie bei Hitchcock) ans Leben zu wollen, gewinnen die schnell ihre Frechheit zurück und überreden die Naiven zur Gründung einer befestigten Stadt, von der aus sie Menschen und Götter dominieren können. Es kommt zum Krieg mit Letzteren – er wird beigelegt, Peisetairos bleibt König. Nachdem er abschreckungshalber zwei Abweichler dekorativ auf den Bratspieß gebracht hat. Zwei Stück Geflügel; niederländisch  „gevogelte“ – derartige Scherze kamen erfreulicherweise nur marginal zum Einsatz. Und wenn sie nicht gestorben sind, vlattern sie noch heute… denn das Stück spielt, wie gesagt, heute: wo Mauern gebaut werden, die die Ausgegrenzten bezahlen sollen; wo skurrile Dichter ihren Auftritt haben (Anna Täuber), Makler mit neuen Gegebenheiten sofort Geschäfte machen wollen (Nike Kutzner), Beamte mit Formularen und Vorschriften  lästig werden (Samuel Leibach), Journalisten (Emilie Stasiuk, Maximilian Klausen) so zeitnah wie möglich am Puls des Geschehens sein müssen; populistische Politiker (Anna Täuber) mit populistischen Parolen auf Stimmenfang gehen – das war wieder schön von den Vögeln, sogar von ihrem zwielichtigen König, dass sie denen nicht auf den Leim gingen! Die Vögel – sind als Kollektiv  der Titelheld des Stücks; sie hatten es nicht leicht, durch Spiel und Stimme Individualität zu gewinnen, sie hatten sie durch ihre selbstgemachten bewundernswerten Kostüme, die sie mit Anmut und Würde trugen, als wäre das federleicht: Charlotte Halcour (Schluckfraß, wahrhaftig!), Pascal Riemer (Pinguin), Ronja Nußer (Flamingo), Ayla Yildirim (Pfau), Hanna Nawratil (Kolibri), Anton Neundorfer (Hahn), Kimo Hoffmann (Rabe, Flöte spielend),  Sarah Stöcklein, Nikola Rimkus-Ebeling (zwei Schwalben), Leonie Droth (die den diszipliniert sprechenden Chor führende Eule), Lisa Hofmann (Storch. Prokne, die Nachtigall, spaltete sich in das Trio Paula Buzduga, Julia Müller, Tara Sarigül auf; so wurde das positiv Utopische an Wolkenkuckucksheim, für das Prokne steht,  hervorgehoben, auch wenn’s, wie gesagt, nur bedingt ein wirklich glückliches Ende gibt. Wie könnte es das auch in einer Zeit, wo man die Satire bedauern muss, weil es ihr nicht gelingen wird, die Realität einzuholen. Einige der Akteure übernahmen mehrere Rollen, in der Einleitung und als Götter (Zeus: Y. Siebenhaar, Iris: A. Täuber, Prometheus: E. Stasiuk, Herakles:  M. Klausen). Ein Rätsel und ein Kabinettstück von einem solchen war S. Leibachs „Triballer“. Ach, und ich lese gerade noch auf dem Programmflyer „www.facebook.com/KHGOberstufentheater“: hab‘ ich’s nicht gesagt, die haben auch ein Nest im Netz… Ich lese schließlich und endlich die Namen der „Bühnenbild-und-Technik-Gruppe“ und übernehme sie in derselben anerkennenden Hochachtung für allen Einsatz wie die der Mimen (und Miminnen: immer brav korrekt!):  A. Anders, N. Lewis, J. Postler, M. Sauer, J. Schmidt, N. Wagner, T. Frank, H. Niescken, L. Weber. Und die Unterstützung durch Daniel Seniuk und die Regieassistenten Denise Stix und Klaus Furthmüller darf selbstverständlich auch nicht unerwähnt bleiben – wie oft war der letztgenannte Name im Zusammenhang mit Theater am KHG in den letzten Jahrzehnten zu lesen! er wird es künftig nicht mehr. Die Wahl eines griechischen  Stücks war sicherlich der geeignetste Versuch,  Dank für Klaus Furthmüllers, des Gräzisten, außerordentliches Engagement auszudrücken. Ich schließe mich an – aus der (von Kraus benutzten) Schinck’schen Übersetzung zitiert: „Trioto, trioto, totobrix! Torotorotorotorotix!  Torotorotorolililix!“ Es sei auf alle Beteiligten ausgeweitet – und es kommt von Herzen. Dionysos sei mit euch.                               

Matthias Schleifer

Impressionen von der Generalproble, eingefangen von Brigitte Furthmüller: