Sein oder Nichtsein - Komödie von Nick Whitby nach dem gleichnamigen Film von Ernst Lubitsch

 

Premiere ausgefallen!

Ein Bericht, trotzdem

Mittwoch, 7. März 2018, gegen 18 Uhr. In der Haupthalle des KHG ist gerade die Generalprobe des Oberstufentheaters zu Ende gegangen, Nick Whitbys „Sein oder Nichtsein“ (nach Ernst Lubitsch bzw. den Drehbuchautoren Mayer und Lengyel) recht reibungslos durchgelaufen, die wenigen Zuschauer haben schütteren, aber ehrlichen Beifall gespendet (u.a. für die musikalischen Leistungen von Charlotte Halcour, Klarinette, und Vera Schneider, Gesang zur Ukulele; und für die nicht nur bei Wagnereinspielungen präzise Arbeit der Techniker) – morgen und übermorgen Abend wird der Applaus tosen, und gelacht wird werden, dass die Akteure Pausen einlegen müssen; aber plötzlich taucht aus dem Nichts die Frage auf: „Und was, wenn die Premiere ausfällt?“

Nicht aus dem Nichts. Im gespielten Stück passiert genau das. 1939: das Polski-Theaters in Warschau darf aus Gründen der Diplomatie sein fertig einstudiertes satirisches Stück „Ein Geschenk für Hitler“ nicht spielen. Direktor Dowasz (Nike Kutzner), der’s nicht leicht hat, aber alles so gut macht, wie er kann, man frage die begabte Eva Zagatewska (Katharina Wicht), Direktor Dowasz bekommt ein paar graue Barthaare mehr und wählt „Hamlet“ als Lückenbüßer. Aber längst bestimmen Krieg und Teilnahme am Widerstand das Leben der Schauspieler. Allenfalls Rowicz (Ece Eroglu) ist bemüht, sich Illusionen über die Deutschen zu machen.

Von diesen greifen in ein ebenso verwickeltes wie letztlich klares Geschehen einige ein: vor allem der sportliche, gutgelaunte Gestapo-Gruppenführer Erhardt (Christian Bollerhoff) und der Gefreite Schulz, verkörpert von Maximilian Klausen. Dessen physische Ähnlichkeit mit dem gleichnamigen Feldwebel in der 60er-Jahre-Serie „Hogan’s Heroes / Ein Käfig voller Helden“ wird von einigen Besuchern schmunzelnd konstatiert; sein Grunzen gehört ihm allein.

Auf polnischer Seite: Helden – aber sehr menschliche, selbsternannten Übermenschen eben dadurch voraus, dass sie mit liebenswerten Schwächen behaftet sind, darunter solchen, die gerade unter Mimen verbreitet sein sollen: Eitelkeit; Eifersucht. Oder mit einer nicht immer klugen und einfühlsamen Direktheit, wie sie einem draufgängerischen Fliegeroffizier (Emre Oktar) freilich verziehen werden muss.

Das turbulente Durcheinander, das sich aus alledem ergibt: im zugrundeliegenden Filmklassiker „Sein oder Nichtsein“ ist es ein atemberaubender Balanceakt zwischen tödlichem Ernst und teils subtil ironischer, intelligenter, teils auch klamaukhafter Komik. Damit verfolgt der Regisseur Ernst Lubitsch 1942 auch den Zweck, die amerikanische Öffentlichkeit für den Kampf gegen Hitler zu sensibilisieren, bei freilich nur schattenhaftem Wissen über das Ausmaß von dessen Verbrechen. Nach deren Offenlegung können Bearbeiter nicht umhin, aus historischer Distanz einiges zu ändern, insbesondere das glückliche Ende zu relativieren: a trojriger jiddischer Nigun gilt dem Andenken derer, die, wie der fiktive Grünberg (V. Schneider), der Deportation zum Opfer fielen; nur sein Sohn (Antonia Reul) wird gerettet. Dass im Film, bevor über „Heil Hamlet“ „The End“ erscheint, in einem Londoner Theater, während Tura pathetisch zu „Sein oder Nichtsein“ ansetzt, wieder jemand im Publikum aufsteht, wie einst Leutnant Sobinski in Warschau, um die Garderobe einer gewissen Diva aufzusuchen, ist zweifellos ein lustigerer Schluss; aber in einer Welt, in der Menschen auf der Flucht sind, haben running gags beiseitezutreten.

Bekannte Spielfilme zu Theaterzwecken umzumodeln, ist kein geradezu ausgefallener Einfall mehr (vom 14. bis zum 17. März bringt z. B. das Ensemble von Immer Hin „Die zwölf Geschworenen“), bleibt aber immer ein theoretisch wie praktisch spannendes Unterfangen. Dem verdienstvollen Regisseur Andreas Kuhn ist insbesondere hoch anzurechnen, dass er jegliche Imitation der Vorlage vermieden hat, so dass die Versuchung, Vergleiche anzustellen, auf ein Mindestmaß reduziert war. Der Doppelagent Professor Silewski (Nico Eissing) ist einfach nicht der Professor Siletzky des Films – und deshalb konnte er gut sein. Ein Plus der Theaterfassung: die attraktiven und talentierten Sekretärinnen (Eva Maria Bauer, Paula Buzduga, Ronja Nußer, Tara Sarigül, Sarah Stöcklein, Lilly Zellmann); man wäre gerne mit ihnen bei der Gestapogala beisammen gewesen – eine Feststellung, die freilich nur zeigen soll, wie leicht man bei dieser Art des Herangehens an diesen Stoff ins Unangemessene abgleiten und ausrutschen kann…

Will man etwas bedauern, so zum einen das Verschwinden von Minipointen. „Ich liebe meinen Mann von Herzen“, sagt die umwerfende Anna Weckert (als Theaterstar Maria Tura) über den umwerfenden, weil umwerfend wandlungsfähigen, Kilian Frey (Theaterstar Josef Tura) – im Original folgt ein „warum nicht“… so viel länger hätte das nicht gedauert; eine Frage der Urheberrechte? Und der Witz von Hitler und dem Harzer Käse…(„Was Tura mit Shakespeare, hat Whitby mit Lubitsch gemacht“: wäre auch so eine nette Boshaftigkeit, freilich eine ungerechte.)

Und zum anderen, und in ganz anderem Ausmaß, ist es betrüblich: dass sich Andi Kuhn aus der KHG-Theaterszene zurückzieht. Nach zehn Jahren, in denen man die Eigenart seines „Spielplans“ und seiner Inszenierungen kennen und schätzen gelernt hat; es ist hier nicht der Ort, sie zu beschreiben, zu analysieren, auf einen Begriff bringen zu wollen. Hier ist einfach von Herzen zu danken, für einen finalen Höhepunkt; für eine lange Zeit leidenschaftlichen Einsatzes zum Wohle des Bühnenspiels. Nicht nur Anna, die aufgrund ihrer Tüchtigkeit unentbehrliche Maskenbildnerin und Garderobiere des Polski-Theaters (C. Halcour), fühlt sich verwaist. Freilich: wen das Theater einmal gepackt hat, den lässt es doch nie wieder wirklich los – ist das nicht auch eine Botschaft von Lubitschs Film? „Servus und Heil Hamlet, Herr Schauspieldirektor! Es wird weitergespielt! Lass dir keine grauen Barthaare wachsen!“

Matthias Schleifer

 

Impressionen von der Generalprobe:

 

Impressionen von den Theaterproben in Königsberg: