Liz, wo ist deine Schwester Eve?

oder: Ein Endspiel vom Genom der Malobos 

Der heiße Abend eines schwülen Tages (die armen Fußballer, die beim Confed-Cup spielen müssen!), das Schuljahrsende in Sicht: die Premiere von Dennis Kellys „DNA“  im Mittelstufentheater des KHG war nicht ausverkauft.  Das alles lockert die Moral des Kritikers; warum nicht abkupfern, was Beat Mazenauer über eine Aufführung des Erfolgsstücks von 2007 in Basel, 2010, auf nachtkritik.de geschrieben hat? Vorsichtshalber die Überschrift verändern, aus „Das Glück ist wie Atommüll“ wird „Desoxyribonukleinsaure Schuld“, die Initialien Daniel Seniuks, des Regisseurs, geistreich aufgrei fend – „In seiner Arbeit mit den Jugendlichen ist es ihm ausgezeichnet gelungen, die individuellen Charaktere und die gruppendynamischen Prozesse herauszuarbeiten.“  Die naheliegenden Anspielungen „Der Tod Adams“ (Trauerspiel von Klopstock) und „Der Fall Adams“ (Wollschläger) hat er mir als Bearbeiter  freilich kaputt gemacht: aus einem Adam ist eine Eve geworden (Alina Schock) – ‘s wird nichts Rechtes mit der Absicht, ein Plagiat zu begehen. Im Übrigen: beginge ich es, es wäre ein Kavaliersdelikt neben dem, was auf der Bühne geschieht.                                                              

Denn Eve ist tot, die Außenseiterin, bei grausamen Späßen einer Gruppe von Jugendlichen ums Leben gekommen – gezeigt wird, wie die nun die Schuld und die Situation zu bewältigen versuchen. Sie können es nicht, sind verstört. Der Autor legt eine falsche Fährte: John (Alparslan Akil) ist es nicht, der sich zum Anführer entwickelt  und die Lösung parat hat, die nicht darin bestehen kann, das Geschehene zu leugnen, das Wort „tot“ zu tabuisieren. Liz (Edna Lappen) setzt  sich mit dem Rat durch, eine  falsche Fährte zu legen: „DNA-Material“ eines X-Beliebigen auf Eves aufgefundenem Pullover zu  plazieren, der dann als Mörder ermittelt werden kann – daher der Titel des Stücks. Es ist eines über Jugendgewalt, und doch auch nicht: wer etwas wie „Revolte im Erziehungshaus“ , „Liebe Jelena Sergejewna“ , „Klassenfeind“  erwartet, wird enttäuscht – ergiebiger wäre eventuell ein Vergleich mit Brittings „Brudermord im Altwasser“, Horváths „Jugend ohne Gott“ oder Golding „Herr der Fliegen“. Die konkrete Situation der Schüler, ihr sozialer Background bleibt unbestimmt – allenfalls dass sie immer wieder „Scheiße“ sagen und „Wir sind im Arsch“, ist eine vage Lokalisierungshilfe -Dennis Kelly verfügt im Übrigen auch über subtilere Mittel, Hilflosigkeit hör- und fühlbar werden zu lassen. Sagen wir, das Stück sei eine eher abstrakte Parabel über den Umgang des Menschen mit Schuld, die ihm bei seinem legitimen Streben nach Glück in die Quere kommt, mit Scham und mit Angst – die sich steigert, als Eve im zweiten Teil doch wieder lebend auftaucht und damit Komplikationen erzeugt, die, verfahren, wie die Lage nun schon ist, wieder nur Liz, als kalter und finsterer Todesengel, aus der Welt schaffen kann.

Eve ist tot – was ist dafür letztverantwortlich? Die condition humaine, sprich: die menschliche Erbsubstanz (daher der Titel des Stücks)? Dass der Mensch den aggressiven Schimpansen enger verwandt ist als den friedfertigen Bonobos, wird in einem der den Text gliedernden, gelegentlich lyrisch getönten, Dialogfragmente behauptet; bei der Feststellung, so sei es eben, möchte man freilich ungern stehenbleiben.

Stück wie Inszenierung verweisen mit kargen Zeichen auf tiefere Deutungsansätze, ohne sich festzulegen: höllische Flammen entlassen Rauch in den kalten Himmel; Bachs „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“ wird eingespielt, ein flehendes Gebet der erbsündigen Kreatur – und abrupt dissonant ausgeblendet. Wenn schließlich die Täter zu Opfern werden und symbolisch in die Grube treten, in einen Kreis, wie zu einem Requiem für die nach oben entschwindende Eve: nehmen sie ihre Schuld an und auf sich, findet Katharsis statt? Es bleibt offen – was in Pausengesprächen von manchen Zuschauern kritisch als Schwäche des Werks gesehen wurde. Kurz und nüchtern wird anderseits berichtet, wie das Getane die Beteiligten psychisch und/oder sozial aus der Bahn wirft: Leah (Cristina Becker; sie wechselt die Schule: läuft sie als einzige davon?), Cathy (Jasmin Fey),  Mel (Anna Melzer), Lou (Anna Schmitt), Robin (Vera Schneider), Ann (Sophia Schümann). Brian (Emre Oktar) endet in „Kichern und Sabbern“ – könnte nicht eines der späten Stücke von Samuel Beckett so heißen? mit dem Kellys „DNA“ dann die disziplinierte, ritualisierende Rhythmisierung reduzierter Bewegungsabläufe teilen würde, ein Residuum von Kunstwollen als Manifestation der arg gebeutelten Menschenwürde? Eine schwache Aufhellung des „hellish half-light" einer Beckettwelt, wie es auch die gelegentlichen, vom Publikum wie von den Darstellern besonders dankbar angenommenen Anlässe, ein bisschen zu lachen, sind – etwa wenn Danny (Tyrese Hamid) mit der alles entscheidenden Frage Mitleid erregt, ob nicht seine Zahnarztkarriere durch seine Verwicklung in ein Tötungsdelikt gefährdet sein könnte? Aber die Beckettspur mag eine falsche Fährte sein –

was soll’s. Der Kritiker gibt noch einmal Herrn Mazenauer recht (mit helvetischem „ch“): „Im Kraftfeld zwischen Spaß und Ernst, Fiktion und Wirklichkeit wirkten die Darsteller erfrischend unverkrampft, echt und lebendig.“  Im Übrigen: er ging heim  – mit dem unschönen, irritierenden Gefühl, das Stück nicht wirklich „verstanden“ zu haben, obwohl es kompakt, klar, zielstrebig, alles andere als etwa „wirr“, ohne jegliche Mätzchen über die Rampe gekommen war, und dieses Gefühl auch nicht besser ausdrücken zu können. Betreffs mildernder Umstände siehe oben: heißer Tag, Schuljahrsende in Sicht… Am KHG werden das die Bayerischen Schultheatertage 2017 prägen. Wenn alle dabei gezeigten Produktionen unsere „DNA“-Aufführung an Geschlossenheit und Herausforderungspotential erreichen: nun, so harret unsre Seele nicht vergebens toller Stunden.

Matthias Schleifer

 

 

 

"DNA" von Dennis Kelly

Eve ist seit einigen Wochen nicht mehr aufgetaucht.

Sie ist tot. Lou ist sich da ganz sicher.

Sie wurde entführt. DNA-Spuren führen eindeutig zu einem fetten Postboten mit schlechten Zähnen.

Sie ist in ein Loch gefallen. Mel hat es gesehen.

Was geschah mit Eve? Wo steckt sie?

Was weiß die Clique rund um John und Liz? Wer sagt die Wahrheit? Warum sollten sie lügen? Wem kann man glauben? WO IST EVE?

 

Ein Krimi entspinnt sich, wie es ihn nur selten auf einer Theaterbühne zu sehen gibt.

Am Donnerstag und Freitag, 22. und 23. Juni, um 19:30 Uhr können Sie / könnt Ihr in unserer Haupthalle die Suche aufnehmen.


Wir freuen uns auf euch!
Die Mittelstufen-Theater-AG

 

Impressionen von der Generalprobe, eingefangen von Brigitte Furthmüller: