Look at the world – be not afeard

Obere Pfarre, 19. Dezember 2018, 19 Uhr

Das Weihnachtskonzert des KHG fand am 19.12.2018 zum dritten Mal in der Oberen Pfarre statt; schön war bereits, dass der stimmungsvoll geschmückte Kirchenraum sehr gut, aber nicht über die Maßen gefüllt war. Wer die freie Platzwahl sicher haben wollte, tat freilich wie gewohnt gut daran, schon etwa fünfunddreißig Minuten vor 19 Uhr anwesend zu sein. Damit hatte man dann auch Gelegenheit, die zahlreichen Mitwirkenden bei den letzten Vorbereitungen zu beobachten und belauschen: z.B. Big Band und KHG-Percussion, ein paar Bruchstücke konnte man später dem einleitenden „Little Opening“ von T.Kraas zuordnen.

Man konnte in Ruhe das Programm studieren, erfahren, wer für die einzelnen Teile und Gruppen zuständig war: Johannes Klehr, Irmingard Köhler, Florian Zeh, Lea Dollinger, Veronika Smolka – Namen, die ebenso technisch tadelloses Musizieren versprachen wie aufmerksame, ungekünstelte Hingabe; man wurde nicht enttäuscht. In seiner Begrüßungsrede wies der Schulleiter Michael Strehler auf die nicht immer angenehmen Anstrengungen hin, die allen Betroffenen in der Probenphase abverlangt und die allzu leicht vergessen werden; zudem kündigte er mit vollem Recht ein abwechslungsreiches, anregendes Konzert an, mit Lautem und Leisem, Robustem und Zartem, letzteres wohl insbesondere auf die Beiträge des Streichquartetts gemünzt, Stücke aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts, das Andante aus einer G-Dur-Sinfonie vom Londoner Bach, Johann Christian, und die 13. Romanze von J.Wikmanson, mit feinem Pizzicato.

Des Weiteren „Lenas Song“: ein (sehr subjektives) "Naja..." (eines Jahrgangsgenossen des Komponisten S.Nilsson...): - den Grat zwischen Wagner und Filmmusik überquert doch "Schmelzende Riesen“, Armin Koflers (Jg.1981) Requiem auf die Alpengletscher (Percussion, Leitung Luis Theuer), deutlich sicherer, den Schwebebalken zwischen Sentiment und Kitsch überzeugender John Rutters den Abend schließendes monumentales „Look at the world“; Lauren Goodley konnte ihre Ausdruckskraft und Variabilität als Bernstein-Interpretin umfassender demonstrieren. Spannend, zumal theologisch spannend, war vor allem, wie das im engeren Sinn Weihnachtlich-Geistliche (präsent vor allem in Liedern und Liedbearbeitungen wie dem zweimal gebotenen „Deck the Hall“, Chor, Bläsernachwuchs) durch das Aufklingen irdischer Freude und globaler Sorgen von 2018 auf die Probe gestellt wurde; wie dem neugeborenen Erlöser Maurice Ravels "Infante défunte" entgegengehalten wurde (Orchester), der christlichen Botschaft der Mythos des 19. Jh.,Griegs „In der Halle des Bergkönigs“ aus „Peer Gynt“ (Percussion). Dieser Aspekt konzentrierte sich im Adagietto aus der 5. Symphonie von Gustav Mahler, dem Komponisten der Gebrochenheit und des Spagats schlechthin. Hier wurde in eine Tiefenregion hinaufgestiegen, die bei Schulkonzerten sehr selten angepeilt wird; es war ein Höhepunkt des Konzerts, man ist versucht zu sagen: natürlich. Ein anderer: Ausschnitte aus des Mahlerdirigenten Leonard Bernstein „Mass“ (Simple Song, Alleluia, Almighty Father, Alleluia) anlässlich seines 100.Geburtstags, unter Mitwirkung des Kaiser-Heinrich-Collegiums mit einer Reihe von Gästen, die den Verzicht auf Einzelnennungen hier wie alle verzeihen mögen. Besondere Anerkennung freilich den lediglich drei Männerstimmen im Chor, die sich trefflich behaupteten.

An einer Stelle wurde das Gotteshaus zu St.Sebaldus, „Pachelbel Island“ zu einer Zauberinsel wie der Prosperos; der populäre Kanon wurde in M. J. Michels Bearbeitung aufgelöst in ein Netz glitzernder Rhythmen, die sich zu gläsernen Tonfäden verstofflichten – auf seine Weise die säkulare Weihnachtsbotschaft des ganzen Abends vermittelnd, die vielleicht mit Worten Shakespeares bzw. Calibans so zu fassen wäre: „Be not afeard: the world“ (nicht nur „the isle“) „is full of noises, sounds and sweet airs that give delight and hurt not.“ Am Ende: das gemeinsame „Adeste fideles“, in Latein, Englisch und Deutsch – und des Guten, Schönen und Wahren viel nach Hause mitzunehmen. Adoremus dominum.

Matthias Schleifer