CAROLS, GNOMES, EAGLES – AND SO ON

Vom Weihnachtskonzert 2016

Ja, ich geb’s zu: hab' ihn heimlich geöffnet - den "Bastelkoffer für kleine Musikkritiker", den ich mir zu Weihnachten gewünscht habe und den ich tatsächlich bekomme; und will ihn doch gleich versuchsweise benutzen, für die Besprechung des Weihnachtskonzerts des KHG (am 20.12. um 19 Uhr begrüßte OStD Strehler eine stattliche Besucherschar in der Oberen Pfarre; wenn der Durchschnittsbesuch bei den Weihnachtsgottesdiensten so aussieht, wird der Pfarrer nicht unglücklich sein, auch wenn da der Applaus verhaltener ausfällt…). Die pinkfarbenen  Quadratkärtchen mit duftigen Adjektiven  - z. B. "besinnlich"; "getragen"; "spritzig" -  kommen mir sicherlich zupass; ich kleb‘ diese Etiketten sofort dem Orchester unter Leitung von Johannes Klehr auf, für das einleitende Potpourri deutscher Weihnachtslieder, von „O du fröhliche“ über „In dulci jubilo“ zu „ O Tannenbaum“ . „Höfisch festlich, mit sich entfaltender Souveränität zelebriert“: das Allegro moderato aus einem Tripelkonzert D-Dur von Antonio Salieri, mit Marc Forstner und Louisa Brygier (Violine) und Augustin Anders (Cello), vom Orchester begleitet. „Gekonnt, gekonnt, à la swinging bonne heure!“: wird dem Ensemble der Musikreferendare beschert, Andrea Schrott, die „White christmas“ arrangiert hatte, Franziska Argmann, Tanja Back, Wolfgang Christandl, Franziska Görg, Lisa Weiß. Bing! in der Mitte des Programms. „Entrückte Klänge verklärter Nacht“: das nehmen wir für A. McBrooms „The Rose“ und das Vokalquintett Anna Täuber - Alina Baumüller – Pauline Ratka – Vera Schneider – Benjamin Peter; und für den Abendsegen aus Humperdincks „Hänsel und Gretel“ (Schneider / Täuber) – kurze, aber sehr intensiv wirkende Stücke. An dieser Stelle könnte ich eine der Aktionsanweisungen aus dem Köfferchen aufgreifen: „Sag nicht, wer dein ganz persönlicher Winner of the Evening ist!“ – nein, das tu‘ ich nicht… Eine andere: „Formuliere Einwände deutlich, aber so, dass sie niemand bemerkt“ – aber dagegen, dass die gewandten fünf Stimmen mit Pentatonix‘ „That’s christmas to me“ auch andere Töne anschlugen, hab‘ ich wirklich nichts! Nachdenklich machen mich am ehesten meine eingeschränkten Englischkenntnisse – vielleicht sind sie schuld daran, dass ich unter einer KHG-Percussion-„Procession of the Gnomes“ (von A. Ostling) und einem „Waltz after Lasse in Lyby“ (Trad. aus Schweden; die Salieri-Solisten ergänzt durch Mirjam Englich, ebenfalls Q 12) jeweils etwas ziemlich anderes erwartet hatte: etwas weniger eindrucksvoll Auftrumpfendes, etwas leiser Huschendes, zierlicher gelegentlich vom Weg nach links, nach rechts Abweichendes einerseits, etwas weniger nordisch Melancholisches anderseits. Aber: man spielt, was komponiert ist – und sie spielten’ s gut! Schlecht ist, wie gesagt, mein Englisch: ob der „Lord of the Dance“(von D. Willcocks), den der Mädchenchor der Mittel- und Oberstufe (Einstudierung Irmingard Köhler) wohlklingendst evozierte, mit dem Dominus identisch ist, der zuvor (Komposition von C. Gounod) angefleht wurde, ut daret pacem, das ist mir nicht absolut klar, so wenig, wie ich mir sicher bin, ob das „New Millenium“, für das E. Huckeby eine Ouverture schrieb, ganz und gar das Friedensreich dieses Dominus ist – was wieder nicht heißt, dass der Big Band (Ltg. Florian Zeh) die temperamentvollen und lauten Rahmenpassagen übelgenommen würden; dafür ist sie ja da! Sie bewies das auch im Schlussstück, S. Reinekes „Where eagles soar“: die Adler steigen, scheint’s, mächtig und klangprächtig (die Krippenkatzen versteckten sich) eher in den Rockies auf, wo sie Hollywood am nächsten kommen, als von den urigen Zinnen der europäischen Musiktradition. Das chilenische „Senora Dona Maria“ – „unaufdringliche schlichte Schönheit“ darf ich für die Leistung des gemischten Chors aus meinem Zettelkasten ziehen – stammt wiederum aus einer anderen Welt. Dem Prinzip Globalität huldigten die Programmgestalter auch mit J. de Haans „Poland“ und mit „Let it snow“, bestens bewältigten Herausforderungen an den Bläser-Nachwuchs (betreut von T. Back und A. Schrott). „Vergiss kein Werk zu erwähnen!“ – den guten Rat hätt‘ ich nicht gebraucht, ich schließ`die Box wieder und stell‘ sie originalverpackt zu meinen vielen anderen liebevoll versteckten Geschenken zurück: D. Newloves „Fantasy on Jingle Bells“, marimbahaltig, zeigte das Schlagzeugteam ein zweites Mal in gewohnter Hochform. Zu der auch ganz am Ende alle Anwesenden mit den drei Strophen von „Adeste, fideles“ („Oh come, all ye faithful“; „Herbei, o ihr Gläubigen“) aufliefen. 
In die friedlose Welt, in die man aus jedem noch so gelungenen, durch Kompaktheit des Programms und Konzentration sämtlicher Musikanten überzeugenden Weihnachtskonzert zurückkehren muss, konnte man diesmal keine ablaufgliedernden Textbeiträge mitnehmen, wie sie seit einigen Jahren üblich waren; darf auch ohne Weiteres so sein und bleiben! Sollte trotzdem jemand dergleichen vermisst haben, seien ihm hier mit den Worten dreier recht merkwürdiger „Könige“ gesegnete, frohe Feiertage und ein gutes neues Jahr gewünscht, die am Schluss von Georg Ringsgwandls „moderner Weihnachtsgeschichte“ „Das Kind vom Plattenbau“ einem Neugeborenen mit auf den Lebensweg gegeben werden. Es möge geschehen, es füge und finde sich:

Dass die Vögel etwas finden in der Kälte 
Dass ein Busch noch frei ist für den Hasen als Versteck 
Soviel Luft, dass es dir reicht zum Leben
Wein und Frieden für den ruhelosen Geist 
Dass der Streuner jemand findet, der ihn füttert
Wärme in der Seele und helles Licht im Kopf 
Dass dich wer da kratzt, wo du nicht hinkommst
Morgens eine Arbeit und abends was im Topf
Geduld für unsre Blinden und Geschlagenen
Jedem Tier ein Schutz vor Schnee und Wind
Dass man für die Mühe auch belohnt wird
und, wenn ER uns gnädig ist, ein Kind.

Matthias Schleifer