Uns ist in alten mæren wunders vil geseit

von helden lobebæren, von grôzer arebeit,

von fröuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen,

von küener recken strîten muget ir nu wunder hoeren sagen.

 

Die Nibelungen mit einer 5. Klasse lesen? Geht das überhaupt oder ist die Lektüre nicht zu schwer? Hat diese alte Geschichte den Kindern heute noch etwas zu sagen?

Dass dieses Unterfangen hervorragend gelingen kann, bewiesen die Schülerinnen und Schüler der 5c, die zusammen mit Studierenden der Otto-Friedrich-Universität ein Mittelalterprojekt verwirklichten. Dies geschah im Rahmen von MimaSch (Mittelalter macht Schule), einem praxisorientiertem Projekt des Lehrstuhls für Philologie des Mittelalters in Zusammenarbeit mit verschiedenen Schulen. Nach dem Lesen der Sage in einer altersgemäßen Bearbeitung von Willi Fährmann erarbeiteten die Schüler zusammen mit den Studenten in Kleingruppen Dialoge für eine Gerichtsverhandlung, in der Brunhild Kriemhild anklagte, den Untergang der Burgunder gezielt herbeigeführt zu haben. Als das Textbuch fertig gestellt war, wurden die Rollen verteilt, denn alle Schülerinnen und Schüler der Klasse, immerhin 22 Personen, sollten auf der Bühne stehen und eine Rolle verkörpern. Anschließend wurden die Texte gelernt, die Szenen geprobt und die Requisiten zusammengesucht.

Am Abend des 31.1.2018 war es dann soweit: die Aufführung stand an. Mit viel Schwung und routiniert agierten Siegfried, Kriemhild, Brunhild und Co. vor ca. 100 Zuschauern (Eltern, Geschwister, Omas und Opas, Lehrerinnen und Lehrer). Jeder spielte mit Hingabe seine Rolle. Videos und Bilder wurden eingeblendet, um für Abwechslung zu sorgen. Immer wieder brach das Publikum in Lachen aus oder spendete spontan Szenenapplaus. Niemand bemerkte, dass wir fast nur in den Deutschstunden der vergangenen drei Wochen im Klassenzimmer üben konnten.

Minutenlanger Beifall belohnte alle Akteure. Die Schüler waren in den letzten Wochen mit ihren Aufgaben gewachsen und auf der Bühne mit viel Spielfreude bei der Sache. Eine tolle Leistung und ein kurzweiliger Abend!

Deshalb: keine Angst vor mittelalterlichen Texten. Sie haben den Kindern des 21. Jahrhunderts noch viel zu sagen. Sie erzählen von Abenteuern, die Helden bestehen müssen, von Kränkungen und Zorn, aber auch von Freundschaft und gegenseitiger Hilfe – also Themen, die heute noch jeden Menschen beschäftigen. Deshalb gilt: Uns ist in alten mæren wunders vil geseit … . Diese alten, wunderbaren Texte sind eine Entdeckung wert.                                                                                                                                          

Dr. Christa Horn

Ein herzliches Dankeschön geht an Herrn Panzer, der die Fotos anfertigte und zur Verfügung stellte.